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03.09.2009 Diabetesversorgung: Wie wird sie weitergehen?

In einer Podiumsdiskussion über künftige Diabetesversorgung am 1. September 2009 in Aachen standen Politiker Rede und Antwort.
Dr. U. Preusker, R. Henke und U. Schmidt während der Podiumsdiskussion

„Ist die moderne Diabetes-Versorgung auf dem richtigen Weg?“ Am 1. September 2009 stellten sich Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) und der gesundheitspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion NRW, Rudolf Henke, sowie Vertreter aus Ärzteschaft, Krankenkassen, Apotheken und Selbsthilfe in der Aula der RWTH Aachen der Frage, wie der Landesverband Nordrhein-Westfalen des Deutschen Diabetiker Bundes (DDB-NRW) in einer Presseinformation mitteilt.

Moderator Dr. Uwe Preusker wollte wissen, ob Betroffene künftig noch von Innovationen profitieren können und welche Lösungsansätze denkbar sind, um die Versorgung in unserem Gesundheitswesen sicherzustellen?

„Eher schlecht als gut“
Die TED-Abfrage zu Beginn der Diskussion machte deutlich, dass rund zwei Drittel des Publikums die gesundheitspolitische Arbeit der Großen Koalition in den letzten vier Jahren eher schlecht als gut beurteilen.„Es kriegt nicht mehr jeder das, was er eigentlich verdient“, so auch Diabetologe und Nephrologe Dr. Ludwig Merker laut Presseinformation.

Nahezu 10 Prozent der Bevölkerung haben Diabetes, Tendenz steigend. Die Höhe der Arzneimittelkosten beträgt jährlich rund 30 Mrd. Euro für die Behandlung der rund 70 Mio. gesetzlich Krankenversicherten. Eine solche Leistung ist laut Cornelia Prüfer-Storcks, AOK Rheinland/Hamburg, und Dr. Christian Graf, Barmer Ersatzkasse, nicht möglich ohne Rabattverträge - die wiederum laut Gabriele Neumann vom Apothekerverband Aachen nur zur Verwirrung der Patienten beitragen.

Dafür sei eine Kosten-Nutzen-Bewertung, wie sie das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) durchführe, als wissenschaftliche Grundlage erforderlich. Denn das, so die Kassenvertreter, können Krankenkassen im Wettbewerb nicht leisten.

Behandlung nach Leitlinien als Lösungsansatz
Martin Hadder, Vorsitzender des DDB NRW, sieht das anders: Innovativen Medikamenten zur Diabetestherapie, wie es die Analoginsuline sind, bescheinigt das IQWiG keinen Zusatznutzen. Betroffene haben hingegen mit diesen Insulinen, so Hadder, bessere Behandlungserfolge, eine genauere Therapiemöglichkeit und somit insgesamt eine bessere Lebensqualität erfahren.

Das IQWiG jedoch setzt sich seine Beurteilungskriterien für innovative Arzneimittel und Therapien selbst und wählt aus einer Vielzahl an Studien nur wenige für eine Nutzen-Beurteilung aus. Das Kriterium Lebensqualität wird nicht berücksichtigt. Die Patienten werden nicht gefragt, heißt es in der Presseinformation.

Einen Lösungsansatz für effiziente und optimale Behandlungsmöglichkeiten Chronisch kranker Menschen sieht Hadder daher in der konsequenten Umsetzung der Leitlinien der medizinischen Fachgesellschaften, die es zu jedem Krankheitsbild gibt, die aber zu wenig Beachtung finden.

Was wissenschaftliche Standards betrifft, liegt Deutschland international an dritter Stelle, in der Versorgung jedoch nur auf Rang 20. So werden beispielsweise Analoginsuline in Deutschland nur in rund 40 Prozent aller Fälle verordnet, im benachbarten Ausland hingegen bei weit über 70 Prozent der Betroffenen.

Lösungsansatz Prävention
Aufgrund der gestiegenen Arzneimittelkosten spricht sich Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt für eine Bewertung des Zusatznutzens sowie eine konsequente Kosten-Nutzen-Analyse von Medikamenten und Therapieverfahren durch das IQWiG aus. Anderenfalls, so Schmidt, könnten die Vorgaben der Sozialgesetzge-ung auf Dauer nicht eingehalten werden. Ziel der Kosten-Nutzen-Bewertung sei es, eine Überhöhung der Medikamentenpreise zu verhindern.

Für Rudolf Henke, Internist und gesundheitspolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion NRW, stellt sich die Lage etwas differenzierter dar. Als Arzt sieht er die Rolle der Rabattverträge als Preisregulator kritisch. Eine individuelle Behandlung nach dem Urteil kompetenter Fachleute ist für den Patienten, so Henke, sicherlich das Beste. Mit Blick auf die Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems sieht Henke aus parteipolitischer Sicht jedoch eher die regulative Kosten-Nutzen-Prüfung als das einzig praktikable Instrument.

Was die Diabetesversorgung betrifft, würde er daher nach Information des DDB NRW in der Versorgung lieber zu einem früheren Zeitpunkt ansetzen, bevor Folgeerkrankungen auftreten, die die Behandlungskosten in die Höhe treiben. Prävention ist für den Politiker „der entscheidende Zeitpunkt, ob wir das gesellschaftlich überstehen“.

Betroffenen in die Entscheidungsprozesse einbeziehen
Prävention – ein Gedanke, der Klaus Bremen vom Paritätischen Wohlfahrtsverband NRW angesichts des demographischen Wandels in unserer Gesellschaft schon lange umtreibt. So warnt er davor, den Blick allein auf das Ärzte-Patienten-Verhältnis zu reduzieren. Der Begriff „Nutzen“, so Bremen, muss aus der Sicht der Patienten als „Lebensqualität“ definiert werden. Denn „wir müssen uns als Teil des Ganzen verstehen“, fordert er.

Und hierbei dürfe die Selbsthilfe nicht zu kurz kommen. Kostenträger, Leistungserbringer und Politiker, so auch die Forderung des DDB-Landesvorsitzenden an die Politikvertreter, sollten besser kooperieren im Sinne der Betroffenen mit dem Ziel, die Selbsthilfe entsprechend anzuerkennen und die Betroffenen in die Entscheidungsprozesse mit einzubeziehen.

Am Ende der Veranstaltung wurde per TED in die Zukunft gefragt: Wird es künftig eine Verbesserung der Versorgung oder mehr Rationierung geben? Über die Hälfte des Publikums befürchtet nach wie vor eine Versorgung mit vielen Einschränkungen und wartet skeptisch ab, was die Zeit nach der Bundestagswahl bringen wird.

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