05.01.2012 „Dank Diabetes Weltmeisterin geworden“

Anja Renfordt ist 1980 in Nordrhein Westfalen geboren. Im 2. Lebensjahr erkrankte sie an einem Typ 1 Diabetes. Eine Tragödie für die Eltern, ein fataler Start ins Leben für das Kind. Über die Zeit spricht die Mutter nur kurz: „Es war schwer für uns. In der Schule hatte sie zum Glück die volle Unterstützung von ihren Lehrern und Mitschülern“.
Anja war immer sportbegeistert. Die Eltern haben die Lehrer auf alle Risiken vorbereitet, außerdem wollte Anja selbständig sein. Im Alter von zehn Jahren fing sie an Tae-Kwon-Do zu trainieren, anfangs ohne Wettkampferfolge. Das hielt sie nicht davon ab, ihr Interesse am Kampfsport zu vertiefen und ihr Training zu intensivieren. Im Verein traf sie auf fantastische Trainer und erste Erfolge stellten sich ein.
Männlich dominierter Sport
Anjas Phänomen besteht in einem ständigen Kampf, in der Überschreitung von Grenzen und dem Wandeln außerhalb ausgetretener Pfade. Ihre Entscheidung für den eher männlich dominierten Sport war mutig und außergewöhnlich, obwohl nach sämtlichen Empfehlungen dieser als völlig ungeeignet für Diabetiker gesehen war. Sie bekam anfangs wenig fachkundige Hilfe.
Ihr Diabetologe konnte ihr kaum mit Rat zur Seite stehen, es war schließlich eine Besonderheit. Dadurch war sie gezwungen selbst die Initiative zu ergreifen und den optimalen Weg für sich zu finden. In nahezu jedem anderen Sport ist das einfacher. Dort lässt sich die Dauer und Intensität der Belastung gut voraussehen, im Kickboxing meistens leider nicht.
„Anja hat Erfolge dank des Diabetes erzielt“
Zum sechsten Mal hat Anja Gold gewonnen. Dieses Jahr nach einer fünfjährigen Trainingspause. Es ist also kein Zufall. Anjas Mutter sagte mir: „Anja hat Erfolge dank des Diabetes erzielt“. Auf den ersten Blick nicht verständlich, aber beim tieferen Nachdenken wird es klar. Der Diabetes hat sie gelehrt zu kämpfen. Kämpfen mit schwankendem Zucker, Verboten, Einschränkungen, eigenen Schwächen und Schmerzen, Entmutigungen, Hilflosigkeit und Angst.
Der Diabetes hat sie gelehrt systematisch und diszipliniert zu sein. Sie stand immer wieder aus der Tiefe auf. Sie hat aus der Perspektive der Zuckermessung ihren Körper besser kennengelernt. Um kämpfen zu können musste der Blutzucker nicht nur gut im Griff, sondern optimal sein. Unter 100mg/dl keine Kraft mehr, über 200mg/dl Konzentrationsschwäche und Verlust von Dynamik. Eine Herausforderung sind noch heute die unterschiedlichen Belastungen im Training und Wettkampf.
Im alltäglichen Training haben Aufregung, nicht kalkulierbare Gegner, Stress und Adrenalin keinen Einfluss auf den Stoffwechsel. Anders im Wettkampf wenn die Leistung auf den Punkt abgerufen werden muss - im Ring gibt es keine Zeit den Zucker zu messen oder Hypoglykämien auszugleichen.
„Mein Leben mit Diabetes erfordert permanente Höchstleistung von mir “ Auf die Frage, warum sie sich diesen Sport ausgewählt hat, antwortet Anja: „Mein Leben mit Diabetes erfordert permanente Höchstleistung von mir – das ist wie kämpfen. Diabetes ist eine Lebensaufgabe, der ich mich schon in jungen Jahren gestellt habe. Diese Herausforderung habe ich angenommen. Mit Ehrgeiz, Selbstvertrauen und viel Disziplin kann ich im Sport und im Leben alles gewinnen“.
Anja ist ein Beispiel dafür, wie wenig wir über das wahre Leben eines Diabetikers mit all den Problemen, die im Alltag auftreten, überhaupt wissen.
Wir würdigen zu selten die Helden, die täglich ohne Pause und Auszeit mit der Krankheit kämpfen. Helden, die nicht immer gewinnen, aber dauerhaft die Handschuhe anziehen und im Ring stehen müssen.
Man verleiht ihnen keine Medaille, obwohl sie längst alle eine verdient haben. Sie brauchen viel Kraft und Verständnis, unsere ständige Hilfsbereitschaft. Lehrer, die den Weg mit bestreiten, Trainer, die sie nicht als unfähig abschreiben, Arbeitgeber, die ihnen Chancen geben und sie nicht wegen Schwächen disqualifizieren – diese Menschen haben massiven Einfluss auf den Lebensweg unserer kleinen Helden.
Einen Sensor kann sie sich dauerhaft nicht leisten
Anja ist realistisch, sie kann nicht immer gewinnen. Das größte Problem sind für sie die nächtlichen Hypoglykämien, die oft nach dem anstrengenden Training auftreten. „Das macht mir mehr Angst als meine stärksten Gegnerinnen“ sagt sie. Ein Ausweg wäre ein Sensor, aber den kann sie sich – wie viele andere Diabetiker – nicht dauerhaft leisten.
Im Sommer dieses Jahres, hat sie im „Bolus“ den Artikel über DiabDogs gelesen. Sie war sofort fasziniert von der Idee, einen Hund zu bekommen. Sie wollte schon immer einen Hund haben. Wenn er dann noch die Fähigkeit hat, vor einer Hypoglykämie frühzeitig zu warnen...
Hypo-Hund CandyDie Entscheidung ist schnell gefallen und ihre Familie hat sie direkt dabei unterstützt. Sebastian Golisz (wissenschaftlich arbeitender Hundetrainer aus Danzig) hat den passenden Hund gefunden – eine kleine Bayerische Gebirgsschweiß-Hündin. Anja taufte sie Candy.
Im Januar 2012 wird Anja nach Danzig fahren, um Candy abzuholen. Es gibt noch einen Grund für die Reise: Anja wird vor Ort mit anderen Betroffenen in Kontakt treten. Die kleinen, unscheinbaren Helden, Kämpfer und Gewinner stehen alle in dem gleichen Ring namens Diabetes. Sie wird Patienten, deren Familien, Ärzte und Therapeuten treffen. Alle werden sich sehr viel zu erzählen haben, sie möchten sich auszutauschen und gegenseitig Kraft geben.
von Jolante Wittek-Pakulo (Internistin & Diabetologin) sowie dem DiabDogs-Team
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Lucas Wurstbrotrevolution
Abends bestellt Luca jetzt ein 12-BE-Buffet – und hat danach noch Hunger.
16.03.2012








