24.03.2011 Wie wir Diabetes bekamen

Das Schrillen des Telefons zerstört am 19. Mai 2008 Lucas heile Kinderwelt. „Fahren Sie sofort in die Klinik! Luca hat Diabetes!“, befiehlt die Kinderärztin. Der Anruf kommt nicht überraschend, die Diagnose schon. Diabetes? Haben das nicht nur ältere Menschen mit Übergewicht? Nein? Typ-1-Diabetes? Gedanken schwirren wie aufgescheuchte Mücken planlos durch den Kopf. Es folgen: Kampfbereitschaft, Erleichterung, Ratlosigkeit. Erleichterung, weil meine Frau und ich noch Schlimmeres befürchtet hatten. Kampfbereitschaft, weil klar ist, dass wir für Luca kämpfen. Ratlosigkeit, weil wir nicht wissen, was die Diagnose bedeutet.
In der letzten Zeit haben sich das Verhalten und der körperliche Zustand unseres viereinhalbjährigen Sohnes trotz mehrerer medizinischer Kontrollen sehr verändert beziehungsweise rapide verschlechtert. Er ist nicht wie sonst fröhlich und aufgeweckt, sondern spricht plötzlich sehr undeutlich und leise, lacht und spielt nur noch selten mit Angelina (7 Jahre) und Baby Timo und hat in kurzer Zeit acht Kilo Körpergewicht verloren. Nachts steht Luca häufig unbemerkt auf, um Wasser zu trinken – und schläft auf dem Weg zurück im Wohnzimmer ein. Wir sehen auch, dass Luca erschöpft ist: Er ist sehr blass, hat dunkle Ränder unter den Augen. Und was besonders schlimm ist: Er und auch wir wissen einfach nicht, was mit ihm los ist.
Im Klinikum wird klar, warum sich der Bub so von uns abgekapselt und warum die Kinderärztin zu raschem Handeln gedrängt hat: Lucas Blutzuckerwert pendelt sich bei fast 900 mg/dl ein. „Das zeigt deutlich, dass das körpereigene Abwehrsystem schon länger die Betazellen in der Bauchspeicheldrüse zerstört, die das Insulin produzieren“, erklärt eine Krankenschwester, stolz auf ihr Wissen. Ein Facharzt legt nach: „Bei diesem Wert ist es verwunderlich, dass Luca nicht längst ins Koma gefallen ist.“ Meine Frau und ich schauen uns ratlos an.
In den Stunden danach lichtet sich der Nebel. Nach und nach werden wir aufgeklärt. Und: Wir sollen an den Schulungen teilnehmen. Beide! „Der Beruf ist erst einmal unwichtig. Sie müssen jetzt lernen, wie man Insulin spritzt!“, sagt ein Arzt mit ernstem Blick. Ich spüre, dass ich unter strenger Beobachtung stehe – und dass der Diabetes das Leben der ganzen Familie verändern wird.
Luca schreit und weint beim ersten Spritzversuch. „Nur die Mama darf mich spritzen“, poltert er und schaut mich böse an. Mittlerweile gestattet Luca mir nur noch Hilfestellung – spritzen will er sich seit mehr als zwei Jahren alleine.
Gut, dass Luca sich aktiv am Diabetes-Management beteiligt. Gut, dass die ganze Familie mithilft: Seine Geschwister zeigen Verständnis, wo sie können, und warten oft mit dem Essen, bis Luca sich gespritzt hat. Ansonsten klappt die Organisation mal gut, mal weniger gut. Ein bisschen Hektik schwingt bei jeder Mahlzeit mit – z.B. weil ich mal wieder nicht auswendig weiß, wie viel Gramm Kartoffeln drei Broteinheiten ergeben, oder weil ich die Kohlenhydrate im Müsli nicht sofort in BE umrechnen kann. Das ärgert Luca, meine Frau – und mich, denn das Nachblättern in Ernährungstabellen nervt. Es ist eine Bewährungsprobe für die ganze Familie und immer wieder ein Spagat zwischen einem strengen Management von Lucas Diabetes und dem Gedanken, zu viel von ihm zu verlangen. Sicher ist: Weitere Prüfungen werden folgen – und ich werde davon berichten.?
Michael Denkinger (40) lebt mit seiner Familie in Memmingen und hat drei Kinder: Luca (7 Jahre), Angelina (10) und Timo (3). Er arbeitet in einer PR-Agentur.
Kommentare zum Beitrag
Kommentar abgeben
Kommentare werden nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet. Beiträge, die persönliche Beleidigungen, Diffamierungen, rechtswidrige Inhalte oder Werbung beinhalten, werden nicht veröffentlicht, ebenso Beiträge, die nicht zum Thema gehören, und Spams.








