30.06.09 Werte hoch, Wissen ungenügend

Routine ist gefährlich. Sie war wohl auch schuld an der Ketoazidose.

Ketoazidose? Klar, das ist, wenn ...Haben wir doch mal gelernt. Steht im Buch. Da gibt es doch diese Streifen für ... Ja, für was eigentlich?

Es war ein ziemlicher Schock. Nico war aus der Schule nach Hause gekommen, speiübel war ihm gewesen, die ganze Nacht ging das so weiter. Am Morgen lag sein Blutzuckerwert so hoch, dass sein Messgerät sich weigerte, ihn anzuzeigen. Als Nico wenig später in der Notaufnahme am Tropf hing, die Stimme schwach und die Augen schwarz umrändert, da sprach der Arzt von Ketoazidose! Mit Ausrufezeichen! Und ich wusste, dass da meine Fragezeichen nichts zu suchen hatten.

Ketoazidose! Übersäuerung des Blutes! Entgleisung des diabetischen Stoffwechsels! Es fehlt Insulin, die Zellen bekommen keine Glukose zur Verbrennung, der Körper schaltet um auf die Verbrennung von Fettgewebe. Als Nebenprodukte dieser Fettverbrennung fallen jede Menge saure Ketonkörper an, die der Körper über die Haut, die Nieren und die Atmung auszuscheiden versucht. Man kann sie feststellen, die Ketoazidose – einfach nur die Teststreifen für Ketonkörper in den Urin halten, die jeder Mensch mit Diabetes in seinem Notfallset hat. Man kann die Ketoazidose sogar hören: durch die sogenannte Kussmaul-Atmung, tief und schnell, weil der Körper durch vermehrte Kohlendioxid-Abgabe den pH-Wert normalisieren will. Und man kann sie riechen. Riecht wie Obst. Süß. Giftig. Wenn man nichts sieht, nichts hört, nichts riecht, kann am Ende ein Koma stehen.

Ich habe das nachgelesen, während Nico noch am Tropf hing. Der Schreck saß mir in den Gliedern – darüber, wie Nico da lag, und darüber, wie verantwortungslos meine Wissenslücke doch war. Und wahrscheinlich sagt jetzt einer: Der schreibt schlaue Kolumnen und hat keine Ahnung. Das stimmt, leider.
Ein paar Dinge kann ich vielleicht zu meiner Entschuldigung anführen. Zum Beispiel, dass ich doch am Anfang alles gelesen und gelernt habe – Hyperglykämie und Hypoglykämie, HbA1c-Wert und all die anderen Ausdrücke aus der Diabetes-Welt, in die wir vor drei Jahren durch Nicos Erkrankung geworfen worden waren. Dass seine Mutter gelernte Krankenschwester ist und sich mit all diesen Dingen viel leichter tut als ich. Dass doch bis jetzt immer alles glattgelaufen ist. Im Ernstfall aber nutzen solche Entschuldigungen nichts.

Es ist die Routine, die gefährlich ist, und diese Routine war wohl auch die Hauptschuldige für Nicos Ketoazidose. Seit einiger Zeit schon haben wir beobachtet, dass er nachlässiger misst als früher, dass er mehr Süßigkeiten isst (weil sich das ja mit der Pumpe viel leichter regulieren lässt als beim Spritzen) und dass seine Werte oft schwanken. Der Körper macht das wohl eine Zeit lang eher klaglos mit, doch er merkt sich solche Schlampigkeiten. Und irgendwann kommt dann die Entgleisung, die Ketoazidose.

Als Nico nach einem Tag am Tropf wieder zu Hause war, habe ich sehr ernst mit ihm geredet. Darüber, dass er auch mit Diabetes gut leben kann, wenn er sich an die Regeln hält. Nicht nur manchmal, sondern immer. Darüber, dass der Körper sich rächt, wenn er sich nicht an die Regeln hält. Nicht gleich, aber bestimmt irgendwann. Und wir haben einen Beschluss gefasst: dass wir uns noch einmal gemeinsam in der Diabetes-Beratung nachschulen lassen. Nicht irgendwann, sondern sofort. 

Dr. Peter Münch (München) ist Redakteur der Süddeutschen Zeitung (Ressortleiter Seite Drei). Sein Sohn Nico ist 14.

 

 

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