30.10.2008 Verborgene brüderliche Bande
Wer zwei heranwachsende Söhne hat, wird am Wochenende morgens beim Bäcker mit Handschlag begrüßt, weil er als Premiumkunde stets mit übervollen Tüten von dannen zieht. Beim Frühstück beginnt dennoch regelmäßig der Verteilungskampf – „meine Sonnenblumensemmel, mein Butterhörnchen, mein Schinken-Käse-Ananas-Croissant“. Friedlich wird es erst, wenn die Schlacht geschlagen ist und die zwei Söhne wie zwei satte Kater dem Tag entgegendämmern. Es ist allerdings nur ein vorübergehender Waffenstillstand, zum Mittagessen, zum Abendessen und bei der Tüte Chips vor dem Fernseher kann der Kampf ums nackte Überleben stets wieder voll entbrennen. Das nervt, aber wenn ich Darwin und die Entwicklungspsychologen richtig verstehe, muss das wohl so sein. Für Nico hat der Diabetes das Leben verändert, aber auch für seinen Bruder Lukas war das ein Einschnitt.
Nicos Diabetes-Erkrankung hat diese Futterneid-Rituale allerdings schlagartig beendet. Zu Beginn stand schon beim Frühstück die Küchenwaage mit auf dem Tisch. Brot, Milch und Müsli wurden gewogen und berechnet. Und Lukas, Nicos 17-jähriger Bruder, strich fast verschämt die Marmelade aufs Croissant. Nicos fünf Frühstücks-BE waren schnell verbraucht, und auch seinem Bruder schien das alles so auf den Magen zu schlagen, dass der Bäcker schon etwas irritiert nur noch halbvolle Tüten rüberreichte.
Für Nico hat der Diabetes das Leben verändert, aber auch für Lukas war das ein Einschnitt. Der Tagesablauf, die Gespräche, die Sorgen – vieles drehte sich plötzlich um Nicos Krankheit. Ein Kind mit Diabetes hat in jeder Familie automatisch eine Sonderrolle, und auch der Alltag aller muss abgestimmt werden auf die neuen Anforderungen. Das kann zu Wut führen, zu Frustration, zum Streit. Schließlich geht es hier nicht mehr nur um die Pole position am Frühstückstisch, sondern um die Position im Familienleben ganz allgemein. Und oft wird der Schatten dann zum Stammplatz fürs Geschwisterkind.
Den Schatten hat Lukas erst einmal auf seine Art genutzt, denn Bruderliebe und geschwisterliche Solidarität kann man ja in diesem Alter grundsätzlich nur im Verborgenen praktizieren. Also hat er ohne Worte auch seine Essgewohnheiten umgestellt und nicht mehr nach Süßigkeiten gefragt. Er konnte Kohlehydrate in BE umrechnen und plötzlich Fachwissen über die Basis-Bolus-Therapie einfließen lassen, weil er sich in einer stillen Stunde die neuen Bücher geschnappt hatte, die nun bei uns herumlagen. Aber irgendwann wurde ihm das Fernsehen ohne Chips verständlicherweise fad.
Mittlerweile schaufelt Lukas wieder fröhlich in sich hinein, was ihm schmeckt und was er braucht in diesem Alter. Er hat keinen Diabetes, und er soll sich nicht einschränken müssen. Er soll Rücksicht üben, aber nicht im Schatten bleiben. Nico hat gelernt, dies ohne den alten Futterneid zu tolerieren und seine eigenen Grenzen zu akzeptieren. Das ist nicht immer leicht, wenn Schokolade, Eis und vieles andere locken. Aber tatsächlich können für ihn 25 sorgsam abgewogene Gramm Chips am Abend ein größerer Hochgenuss sein als eine achtlos verputzte ganze Tüte.
Dr. Peter Münch (München) ist Redakteur der Süddeutschen
Zeitung (Ressortleiter Seite Drei). Sein Sohn Nico ist 13.
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