24.06.2008 Sonne, Sand und Spritzen

Es war am dritten Urlaubstag in Italien, und die Ruhe war herrlich. So ruhig war es, dass ich mich sehr bald fragte, ob es nicht schön wäre, wenn sich mein Kind mal wieder um mich kümmern würde. Nico hatte am ersten Tag zielstrebig die Ferienanlage vermessen: Pool, Strand, Eisbude. Am zweiten Tag hatte er sich einer Badehosen-Bande angeschlossen. Und am dritten Tag ward er nicht mehr gesehen.
Natürlich gibt es da immer ein paar Sorgen. Zu viel Eis, zu wenig Kontrolle. Wird er regelmäßig messen, regelmäßig essen? Und auch: Wird es ihm vielleicht peinlich sein, so weit weg von der gewohnten Umgebung im Kreise dieser Jungs als Diabetiker aufzufallen? Mit solch sorgenvollen Gedanken kam ich zur Mittagszeit an unserem Bungalow an, auf der Terrasse saß Nico mit seinen neuen Freunden, und, auch das, Freundinnen. Auf dem Tisch lagen nicht nur Pokerchips und Karten, sondern auch die Diabetes-Utensilien, zu denen Nico fachmännische Erklärungen abgab: der Pikser („tut eigentlich nicht weh“), das Messgerät („Ergebnis kommt innerhalb von fünf Sekunden“), Spritzen, Ampullen, blutverschmierte Tupfer. Und das war erst der Anfang.
Als der Diabetes neu in unserem Leben war, hatte ich immer gern den einen souveränen Satz gesagt: Wir gehen ganz normal damit um. Was ich aber gleichzeitig dachte, war: So normal, dass niemand etwas davon merkt. Dahinter stand der Wunsch, Nico vor allzu neugierigen Blicken oder Fragen zu schützen. Doch dann saßen wir im Restaurant, Nico zog sein T-Shirt hoch, machte mit zwei Fingern eine Bauchfalte und, zack, setzte die Spritze. Kaum einer schaute, keiner fragte, alle gingen ganz normal damit um. Nur ich war ein wenig beschämt, weil ich daran gedacht hatte, ob er nicht besser zum Spritzen auf die Toilette gehen sollte.
Seither hat Nico an allen möglichen und unmöglichen Orten gemessen und gespritzt – in der Schule, im Schwimmbad, neben dem Fußballplatz. Sicher, manchmal hat einer blöd geschaut, manchmal auch einer doof gefragt. Egal. Viel häufiger kamen interessierte Fragen, auch bewundernde Blicke. „Dass du das kannst“, hat einer der Jungs auf der Terrasse in Italien gesagt. „Ich würde mich das ja nicht trauen“, gestand ein anderer. Alle aus der Ferienclique wollten nun mehr wissen über diese Krankheit, wie man damit lebt, was man essen kann, wie das alles geht. Sie schauten zu, wenn Nico spritzte. Sie wetteten, wie hoch Nicos frisch gemessener Blutzuckerwert wohl sei. Und besonders enge Ferienfreunde durften auch ihren eigenen Wert messen. Natürlich nur, wenn sie sich getraut haben zu piksen.
Nico geht eben ganz normal damit um. So normal, dass es jeder sehen kann.
Dr. Peter Münch (München) ist Redakteur der Süddeutschen
Zeitung (Ressortleiter Seite Drei). Sein Sohn Nico ist 13.
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