12.12.2011 Routine hilft -aber nicht immer!

"Bin ich doof!", entfuhr es mir, und meine Frau widersprach nicht.

Seien Sie einfühlsam, aber konsequent, diszipliniert und genau!“ Die Worte unserer Diabetesberaterin kurz nach der Diagnose im Mai 2008 haben sich in mein Gehirn eingebrannt. Kürzlich wurde mir wieder klar, was sie mit „genau“ gemeint hat: Präzise habe ich nach Vorgabe der Kinder Gurken und Tomaten für das Mittagessen geschnippelt, aber beim Blick in Lucas Blutzuckertagebuch ist mir ein Lapsus passiert.

Es war ein freier Familiensonntag, die Kinder lachten, das Messgerät zeigte 176 mg/dl (9,8 mmol/l). Ich entschied mich mit Blick ins Tagebuch dazu, Luca 3,5 Einheiten Bolus-Insulin und 3,0 Einheiten Basis-Insulin spritzen zu lassen. Auf die Korrektur des etwas erhöhten Wertes verzichtete ich, weil der Wert tags zuvor bis zum frühen Nachmittag bis auf 55 mg/dl (3,1 mmol/l) abgesackt war und Luca mittags unbedingt  Fußball spielen wollte. Zudem packte ich ihm statt 4 BE 5 BE auf den Teller. Er jubelte – es gab Würstle mit Pommes und einer riesigen Schüssel Tomaten- und Gurkensalat.

Alle mampften fröhlich vor sich hin, und Luca durfte auch noch einen kleinen Joghurt essen. Die Werte in der Woche zuvor hatten sich bei etwa 130 mg/dl (7,2 mmol/l) eingependelt – durchaus zufriedenstellend. An diesem Nachmittag wurde die Unzufriedenheit jedoch immer größer: 337 mg/dl (18,7 mmol/l) zeigte das Messgerät um 14.46 Uhr, 484 mg/dl (26,9 mmol/l) um 15.49?Uhr. „Was habt ihr gespritzt?“, fragte mich meine Frau. „Wie immer in den vergangenen Tagen“, erwiderte ich. „Was hast du noch alles gegessen, Luca?“ „Nichts“, sagte er und ließ mich wissen, dass er schon wieder großen Hunger hat. Wir einigten uns auf noch einen großen, BE-freien Salatteller.

Meine Frau und ich entschieden, die abendliche Messung abzuwarten und dann gegebenenfalls zu korrigieren. Bei 575 mg/dl (31,9 mmol/l) um 17.32 Uhr zog es mir den Magen zusammen. Ich ging alle Einträge der letzten Tage nochmals genau durch und fand den Fehler: Mittags hätten es 4,0 Einheiten Bolus-Insulin und 7,0 Einheiten Basis-Insulin sein müssen. Ich war in der Tabelle um einige Zeilen verrutscht. Die logische Folge: starker Insulinmangel, Gefahr einer Ketoazidose. „Bin ich doof“, entfuhr es mir, und meine Frau widersprach nicht.

Am Montag blieben die Werte hoch.
Wir machten den Keto-Test, maßen fast stündlich Lucas Blutzucker oder ließen ihn in der Schule messen. Zweimal gab die Lehrerin telefonisch hohe Werte durch, stellte aber klar: „Luca ist gut drauf.“ Wir erhöhten die Insulinzufuhr zum Mittag- und Abendessen nochmals. Aber erst abends rutschte der Wert unter 200 mg/dl (11,1 mmol/l). Um eine Hypoglykämie in der Nacht ausschließen oder bei einer Unterzuckerung sofort reagieren zu können, planten wir für die frühen Morgenstunden weitere Messzeiten ein. Die Werte: 133 mg/dl (7,4 mmol/l) um 0.30 Uhr und 153 mg/dl (8,5 mmol/l)um 6.28 Uhr!

Routine beim Diabetesmanagement hilft – meistens. Luca hatte alles richtig gemacht, ich nicht. Um ein Haar hätte ich einen akzeptablen Wert in eine Ketoazidose verwandelt. Seither bin ich noch konsequenter und pflichtbewusster. Ich achte aber auch darauf, wann und wo es sich lohnt, Luca einfach Kind sein zu lassen: Den traditionellen Memminger Jahrmarkt im Oktober hat er kulinarisch genauso genossen wie alle anderen. Ein Ziel verlieren wir jedoch nie aus den Augen: ein Blutzuckerwert, der nahe 100 mg/dl (5,6 mmol/l) liegt.

Michael Denkinger (41) lebt mit seiner Familie in Memmingen und hat drei Kinder: Luca (8 Jahre), Angelina (11) und Timo (4). Er ist selbständiger Social-Media-Redakteur und PR- und Kommunikationsmanager.

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