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07.10.2009 Reisen bildet – so oder so

Für die Versicherung ist Nicos Diabetes so etwas wie ein akuter Brandschaden.

„Ich packe meinen Koffer und lege ... hinein.“ Jeder kennt das alte Kinderspiel, bei dem es auf ein gutes Gedächtnis ankommt, weil man in einer langen Reihung all die Gegenstände wiederholen muss, die von den Vorgängern schon in den Koffer hineingepackt wurden. Und tatsächlich gibt es ja enorm viel zu bedenken, wenn man eine Reise tut. In Nicos Koffer gehören Spritzen, Insulin, Pickser, Tupfer, Blutzuckermessgerät, Messstäbchen, Notfallspritze, Keton-Teststreifen und und und. Ich weiß das so genau, weil wir gerade Nicos Koffer gepackt haben – und als alles drin war, was er wegen des Diabetes so braucht, da war der Koffer voll. Bis oben hin.

Wir machen nämlich nicht nur eine Reise, sondern wir ziehen um, nach Tel Aviv, und Nicos Diabetes-Utensilien sollen erst einmal reichen, bis er an Weihnachten wieder nach Deutschland kommt, zu Besuch. Voraussichtlich fünf Jahre werden wir in Israel leben, ich werde in dieser Zeit als Korrespondent aus dem gar nicht so Nahen Osten berichten, und Nico wird, hoffentlich, auf der internationalen Schule seinen High-School-Abschluss machen.

Natürlich habe ich mich informiert, wie die medizinische Versorgung dort ist. Ich habe gelernt, dass Israel das Land ist, in dem weltweit die höchste Dichte an Menschen mit Diabetes herrscht, und mit Nico wird das jetzt eben noch mal ein bisschen dichter. Bei einer so hohen Zahl an Diabetikern ist es auch kein Wunder, dass die israelischen Wissenschaftler internationale Spitze sind in der Diabetes-Forschung. Zu erwarten ist also, dass Nico dort mindestens genauso gut versorgt wird wie in Deutschland.

Ich war also sehr schnell sehr beruhigt und sah mich mal wieder in meinem Mantra bestätigt, dass man mit Diabetes ganz genauso leben kann wie jeder andere auch. Doch dann traf ich auf den Herrn von der Versicherung.

Meine Korrespondenten-Kollegen im Ausland sind in der Regel privat krankenversichert. Also habe auch ich bei dem von ihnen empfohlenen Agenten angerufen. Er war freundlich, rechnete beflissen die besten Tarife vor, prahlte mit den tollsten Leistungen. Ich war Kunde, ich war König. So schön ist das also bei der Privaten, dachte ich. Aber leider war ich einfach nur naiv. Denn ich wurde sofort von meinem Thron gestoßen, als ich Nicos Diabetes erwähnte. „Das ändert natürlich alles“, sagte der nun gar nicht mehr so freundliche Agent. „Dann können wir Sie nicht aufnehmen.“ „Warum?“, habe ich gefragt. Er antwortete mit einer Gegenfrage: „Sie würden doch auch kein brennendes Haus kaufen, oder?“

Für die Versicherung ist Nicos Diabetes also so etwas wie ein akuter Brandschaden, und der ganze Mensch ist eine Fehlinvestition. „Ich verbitte mir solche Vergleiche“, habe ich gesagt und wütend aufgelegt. Ein Einzelfall war das leider nicht. Ähnliches habe ich bei allen Versicherungen gehört, bei denen ich angerufen habe. Wenn ich sagte, das sei Diskriminierung, dann antworteten die Herren Agenten stets, nein, das sei das Geschäft.

Es stimmt also doch nicht, dass man mit Diabetes genauso leben kann wie alle anderen auch. Klar, ein Mensch mit Diabetes kann bei den Olympischen Spielen die schwersten Gewichte stemmen oder auf den Mount Everest steigen. Aber einfach mal so die Krankenversicherung wechseln, das kann er nicht. Das Gelobte Land für Menschen mit Diabetes ist Deutschland also längst nicht. Aber vielleicht wird das ja besser in Israel.   

Dr. Peter Münch (München) ist Redakteur der Süddeutschen Zeitung (Nahost-Korrespondent). Sein Sohn Nico ist 14.

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