31.03.2009 Noten mit künstlerischen Freiheiten

Einen herzlichen Dank noch einmal an Nicos Kunstlehrerin. Denn ihr ist der quasi wissenschaftliche Beweis gelungen, dass Diabetes enorme kreative Energien freisetzt, förmlich zu einer Explosion der künstlerischen Ausdruckskraft führt. Einen Kosmos neuer Ideen muss die Expertin in den Werken unseres jungen Genies entdeckt haben. Warum sonst hat sie ihm eine Eins im Zeugnis gegeben?
Ich war froh, ein paar von Nicos Frühwerken zum Vatertag aufgehoben zu haben, man kann ja nie wissen. Vielleicht ein neuer Neo Rauch? Von Edvard Munch zu Nico Münch? Ein Neo-Munch? Doch noch bevor ich mich eingehender mit der leider oft reflexhaft auftauchenden Sorge beschäftigen konnte, ob Nico mit seinem Diabetes einem Künstlerleben samt seiner exzessiven Ausschweifungen überhaupt gewachsen wäre, da sagte er: „Vielleicht hat sie mir ja nur eine Eins gegeben, weil ich Diabetes habe.“
Kann das sein? Können Einser lügen? Nun ja, ein wenig auffällig ist es vielleicht schon, dass Nico sich in Kunst früher eher unauffällig im Mittelfeld bewegt hatte. Mag sein, dass die Lehrerin ihm etwas Gutes tun, ihn aufmuntern und motivieren wollte. In gewissen Stunden denke ich, der ein oder andere Physik-, Französisch- oder Mathelehrer könnte sich daran mal ein Beispiel nehmen, ausnahmsweise nur. Doch eigentlich möchten wir ja, dass Nico als Diabetiker in der Schule weder besser noch schlechter behandelt wird als alle anderen auch. Denn es gibt keinen Grund für eine Sonderbehandlung.
Allerdings ist es nicht immer leicht, dies der Umwelt beizubringen. Ein Kind mit Diabetes? Das kann auch bei Lehrern Ängste wecken vor Überforderung, viel Irrationales ist da im Spiel, auch viel Unwissenheit. Und leider gibt es bisweilen Reaktionen, die sind schlicht skandalös. Ein Kollege, dessen Tochter Diabetikerin ist, erzählte vom Gespräch mit der Grundschuldirektorin bei der Einschulung. Mit dem Diabetes, so erklärte die Dame, habe das Kind alleine klarzukommen, damit dürften die Lehrkräfte nicht zusätzlich belastet werden. Als freundliche Aufklärung nichts half, musste die Direktorin schließlich von der vorgesetzten Behörde an ihre Verantwortung erinnert werden. Willkommen fühlt man sich da nicht, in guten Händen schon gar nicht.
Zum Glück haben wir bis jetzt solche Erfahrungen nicht gemacht, im Gegenteil. Als Nico in der fünften Klasse die Diabetes-Diagnose bekam, da hat sein Lehrer sich ein Buch gekauft, um sich gründlich zu informieren über die Krankheit. Und es war selbstverständlich, dass Nico bei der Klassenfahrt, die bald darauf anstand, mitfahren konnte. Seine Lehrer tolerieren es, dass er, wenn er in den Unterzucker rutscht, im Unterricht isst, auch bei Tests und Klausuren. Und wenn es dann trotzdem mal eine schlechte Note gibt, liegt das eher nicht an Diabetes-bedingter Konzentrationsschwäche, sondern vielleicht doch am PTS, dem Periodischen Trägheitssyndrom. Aber Nico hat auch nie den Diabetes als Ausrede für irgendetwas benutzt, was schiefgegangen ist. Zum Glück ist es gerade sein Ehrgeiz, zu zeigen, dass trotzdem alles geht.
Neulich kam er allerdings ziemlich sauer vom Sport nach Hause. Da hatte ihm sein Lehrer aus der Nähe einen Basketball in den Bauch geworfen, genau auf den Katheter seiner Pumpe. Das tat weh, aber der Lehrer hatte schlicht vergessen, dass Nico Diabetes hat. Schließlich macht er alles mit wie die anderen auch – und die Eins in Sport hat er bestimmt verdient.
Dr. Peter Münch (München) ist Redakteur der SüddeutschenZeitung (Ressortleiter Seite Drei). Sein Sohn Nico ist 14.
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