Hanns Eldor Dr.med Börner aus München - 20.05.11 19:52
Dr.Münch wäre wohl hilfsbereit zu einem Projekt für diabetische Kinder in Gaza ?

Die Hundert ist das Ziel, 100 ist zum Maß aller Dinge geworden. Wetten werden angenommen bis zum ersten Blutstropfen, danach gilt: Rien ne va plus! Dem Sieger winkt viel Ehre und vielleicht ein Gummibärchen.
Im Laufe der Jahre haben sich bei uns ein paar Rituale und Spielchen herausgebildet rund ums Messen des Blutzuckerwertes. Dieses Messen ist ebenso lästig wie nötig, deshalb versuchen wir ab und zu, dem Ganzen einen Event-Charakter zu geben. Wenn Nico bei einer glatten Hundert landet, dann jubeln wir, als hätte der FC Bayern oder unser neuer Lieblingsverein Hapoel Tel Aviv ein Traumtor geschossen. Bei 111 stoßen wir an, bei 222 eher nicht. In größerer Runde darf jeder einen Mess-Tipp abgeben, Sieger ist, wer dem Wert am nächsten kommt.
Ist das albern? Oder ist es vielleicht sogar zynisch? Schließlich handelt es sich um eine Krankheit, und damit ist gewiss nicht zu spaßen. Wenn in den Zeitungen etwas über Diabetes steht, dann geht es meist um sehr Ernstes. Die Schlagzeilen drehen sich darum, ob Insulin das Krebsrisiko erhöht, ob Menschen mit Diabetes häufiger unter Essstörungen und/oder Depressionen leiden und so weiter. Dazu kommen noch die altbekannten Sorgen um die Nieren, die Nerven, die Augen. Die Beschäftigung mit dem Diabetes kann niederschmetternd sein - und weil das so ist, tut ein wenig Leichtigkeit im Umgang mit der Krankheit so gut.
Allerdings neige ich - wahrscheinlich wie die allermeisten Eltern - grundsätzlich dazu, mir sehr viele Sorgen zu machen. Ich erinnere mich an die erste Zeit nach Nicos Diagnose: Tag und Nacht drehten sich meine Gedanken darum, wie sein Leben jetzt aussehen wird. Was ihn behindern, was ihn bedrohen könnte. In solch einer gedrückten Stimmung wandte sich kürzlich auch eine Kollegin an mich, bei deren Sohn Diabetes festgestellt worden war. Und im Gespräch mit ihr habe ich gemerkt, wie viel Positives ich mittlerweile all den angsteinflößenden Geschichten entgegensetzen kann.
Ich habe ihr also erzählt, dass Nico so lebt wie alle anderen, dass er Sport macht und Spaß hat, dass Essen und Messen kein Problem ist, dass auch ein schlechter Wert kein Beinbruch ist, weil sich das schnell regulieren lässt. Es ist ja so vieles im Fluss, die Forschung macht ständig Fortschritte, alles wird immer leichter. Ich war selber froh, wie überzeugend ich das vertreten konnte, und ich glaube, dass ich die Kollegin ein wenig beruhigt habe.
Am Abend dann hatte Nico einen Blutzuckerwert im mittleren dreistelligen Bereich. Ab und zu passiert es, dass er einfach mal so über 300 liegt oder, zum Glück seltener, auch mal über 400. Ich war alarmiert, sofort kamen die alten Sorgen wieder hoch, und aus lauter Sorge bin ich wütend geworden. Was hast du gemacht, was hast du gegessen, warum hast du nicht früher gemessen - so was in der Art, nur nicht geschrieben, sondern geschrien ...
So schnell geht das also, dass all die angelernte positive Gewissheit in sich zusammenfällt. Dabei hat es an diesem Abend gar nicht lange gedauert, bis alles wieder im Normbereich um die Hundert war - so wie ich das der Kollegin am Nachmittag noch klug erklärt hatte. Doch zu all den Gefahren, die der Diabetes mit sich bringt, gehört wohl auch eine psychologische: Man lebt unter der Diktatur der Werte. Es ist schwer, diesem totalitären System zu entkommen - und die wohltuende Leichtigkeit ist alles andere als leicht.
Dr. Peter Münch ist Nahost-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung. Er lebt mit seinem Sohn Nico (15) in Tel Aviv.
Hanns Eldor Dr.med Börner aus München - 20.05.11 19:52
Dr.Münch wäre wohl hilfsbereit zu einem Projekt für diabetische Kinder in Gaza ?
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