08.12.2010 Loslösen und loslassen

Dies ist der letzte Bericht aus Nicos Welt. Vielen Dank für alle Ein- und Ausblicke.

Bald ist der fünfte Jahrestag. Nicht, dass dies ein Grund zum Feiern wäre. Aber ein Anlass zur Bilanz ist es schon: Fünf Jahre ist es her, dass sich Nicos und auch meine Welt mit einem Schlag verändert hat – an jenem Tag, als wir die Diabetes-Diagnose bekamen. Am Jahrestag sagt Nico immer: „Weißt du noch, heute vor ... Jahren.“ Er denkt immer an den Jahrestag. Ich meistens.

Natürlich wissen wir noch ganz genau, wie das damals war. Die Worte und die Bilder von jenem Tag im Krankenhaus sind immer noch sehr präsent, und sie werden es voraussichtlich auf ewig bleiben, eingebrannt in die Erinnerung als Momentaufnahme eines Schocks. Doch dieser Schock hat keine Starre erlaubt, sondern Aktivität gefordert – bis heute, jeden Tag aufs Neue.

Nico hat viel lernen müssen seit jenem Tag über das Leben mit Diabetes. Auch ich habe lernen müssen, seine Mutter, sein älterer Bruder, meine neue Frau, ihre Kinder und noch manch anderer in unserem Umfeld. Denn der Diabetes ist eine Krankheit, die sich Raum nimmt und Regeln verlangt, und diese Regeln prägen ein ganzes System: Wann aufgestanden wird zum Beispiel (auch am Wochenende und in den Ferien), wann gegessen und was gegessen wird. Ein bisschen ist es also immer auch eine Familienerkrankung, wenn auch nur als Nebenwirkung, denn natürlich hat Nico die Last zu tragen.

Er hat es uns allen von Anfang an sehr leicht gemacht. Die Phase des hilflosen Haderns hat nach der Diagnose exakt bis zum nächsten Morgen gedauert. Dann hat er die Schwester beschieden, er wolle sich jetzt selber die Insulinspritze setzen, sie solle ihm nur zeigen wo und wie. Bis heute hat er dabei nicht einmal Hilfe beansprucht, und ich kann sagen, dass ich ihn dafür sehr bewundere: für die Gabe, Dinge anzunehmen, die nicht zu ändern sind; für die weitgehende Selbstverständlichkeit, mit der er mit der Krankheit lebt. Ich bin sehr stolz auf ihn – und Chronisch besorgt um ihn.

„Hast du schon gemessen?“, ist meine erste Frage, wenn er verschlafen an den Frühstückstisch kommt. Die zweite Frage ist: „Wie ist der Wert?“ Manchmal frage ich noch, ob er gut geschlafen hat, aber nicht immer. Abends ist es dasselbe Ritual. Bescheuert? Vielleicht. Aber wahrscheinlich bin ich nicht der einzige Bescheuerte. Eltern haben ein Sorgen-Gen, und bisweilen ist das ziemlich dominant.

Evolutionsbiologisch schlägt dieses Gen seit den Uraffenzeiten in allen Generationen durch, aber es hat eine paradoxe Eigenschaft. Das elterliche Sorgen-Gen sorgt für Streit mit dem Nachwuchs, vor allem dann, wenn die Kinder größer werden. Es ist der klassische Generationenkonflikt, Unterkapitel: elterliche Kontrolle versus jugendlicher Drang nach Selbstbestimmtheit.

Bei einem Kind mit Diabetes ist dieser Kampf ums Loslassen und Loslösen mit zusätzlichem Konfliktstoff belastet. Denn das jugendliche Privileg der Sorglosigkeit wird von einer Krankheit beschränkt, die schlimme Spätfolgen zeitigen kann. All das ändert nichts daran, dass Eltern ihren Kindern Verantwortung übertragen und zugleich die Sorgen mehr bei sich behalten müssen.

Nico ist jetzt 16 geworden, und seit kurzem ist er größer als ich. Es ist also an der Zeit, dass ich mich Stück für Stück zurückziehe – um im Hintergrund da zu sein, wenn er mich braucht, aber ihn auch gehen zu lassen, wenn er Freiheit will. Nico baut sich nun immer mehr seine eigene Welt. Und weil damit Nicos Welt, so wie das nun einmal ist im Leben, eine andere sein wird als meine, ist dies nun auch die letzte Folge meiner Kolumne.

Dr. Peter Münch ist Nahost-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung. Er lebt mit seinem Sohn Nico (16) in Tel Aviv.
 

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