28.09.2011 Dickkopf oder Selbstvertrauen

Traubenzucker ja oder nein? Oft hielt die Lehrerin Luca das Messgerät hin.

Seinen ersten Schulausflug wird Luca nicht vergessen: Er hatte im Theater gerade seine Brezel ausgepackt und mampfte genussvoll, da giftete ihn ein älteres Mädchen an: „Hier ist essen verboten, Kleiner!“ „Was hier verboten ist, bestimme ich“, giftete Lucas Lehrerin zurück. Kurz zuvor hatte sie ihrem Schüler die Taschenlampe hingehalten, damit er im dunklen Saal messen konnte. Der Wert nahe 50 mg/dl (2,8 mmol/l) forderte schnelles Handeln. Etwas Traubenzucker und die Brezel nahmen Luca die Blässe aus dem Gesicht und trieben dem Mädchen die Zornesröte auf die Wangen.  

Situationen wie diese blieben in den ersten Schuljahren die Ausnahme: Mit Feingefühl und Disziplin half die Lehrerin Luca vom ersten Schultag an, den Diabetes auf den Punkt zu managen, um topfit zu sein für Diktat und Rechenübungen. In der Pause entschuldigte sie sich bei dem Mädchen und klärte auf.

Sie selbst ließ sich ebenfalls aufklären: Sie besuchte eine Schulung im Klinikum und ließ sich von ihrem Vater beraten, der ebenfalls Diabetes hat. Die Klasse band sie mit ein und war begeistert: „Die Neugier war sehr viel größer als die Bedenken.“ Die Messzeiten während des Unterrichts gab Lucas piepsende Digitaluhr vor. Piepste sie mal nicht, sprang einer der Schulkameraden ein: „Luca, messen!“ Drohte eine Hypoglykämie, trank oder aß der Bub. Stand ein Test bevor und Lucas Werte waren im Keller, verordnete die Lehrerin eine kurze Pause für alle, mit dem Hinweis, dass Luca bei einem Wert unter 100 mg/dl (5,6?mmol/l) keine Schularbeit mitschreiben dürfe. Traubenzucker und Apfelsaft in der Vorratskammer hatte sie stets im Auge.

Gleiches Recht für alle Kinder? In unserem Fall: JA!!! Kritische Bemerkungen von Mitschülern und Eltern gab es, Lucas Lehrerin blieb aber konsequent: „Für mich war vom ersten Schultag klar, dass alles seinen ganz normalen Gang gehen muss“, sagte sie kurz vor den Sommerferien. Die dritte Klasse besucht Luca seit September an einer anderen Schule. Dass sich der Direktor frühzeitig nach unserem Sohn erkundigt hat, nährt in unserer Familie die Hoffnung, dass Luca auch in seiner neuen Schule ohne Wenn und Aber ein Kind wie alle anderen sein wird.

Die Disziplin, die er in den ersten beiden Schuljahren gezeigt hat, war großartig und ungewöhnlich für ein Kind seines Alters. Nur der eigene Dickkopf – Oder ist es Selbstvertrauen? – war und ist ihm ab und zu im Weg. Mehrmals beharrte er darauf, gleich mit dem Test anzufangen, obwohl ihm die Unterzuckerung deutlich anzusehen war. „Das kann ich lösen, da brauch’ ich jetzt keinen Traubenzucker“, moserte er, weil er einfach nicht messen wollte. Mit zunehmender Erfahrung entschied Lucas Lehrerin spontan: „Ich habe ihm sofort angesehen, was Sache ist, und ihm das Messgerät hingehalten. Wenn ich mir sicher war, dass er den Test tatsächlich lösen kann, habe ich ihn in seinem Tatendrang aber nicht gestoppt – das hat ihm gut getan.“

Luca muss dennoch lernen
, häufiger stichprobenartig zu messen, um sich nicht selbst um gute Ergebnisse zu bringen. Dass er es kann, hat er im Sommer im Schullandheim bewiesen: Auf den Abend in der Sternwarte hatten er und seine Kameraden sich mit einer Tüte Gummibärchen so gut vorbereitet, dass der Blutzucker auf 389 mg/dl (21,6?mmol/l) schnellte. Die Insulinkorrektur der Lehrerin beim Abendessen senkte vor dem Spaziergang zur Sternwarte Lucas Blutzuckerwert wieder unter 100 mg/dl (5,6?mmol/l). Nur eines klappte an diesem Abend nicht: Die Sterne blieben hinter einer großen Wolke verborgen.

Michael Denkinger (40) lebt mit seiner Familie in Memmingen und hat drei Kinder: Luca (8 Jahre), Angelina (10) und Timo (3). Er arbeitet in einer PR-Agentur.

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