08.12.2009 Diabetes mit Logo

Nicos Welt ist eine andere geworden, wir leben jetzt in Israel. Die Sonne scheint, der Strand ist nicht weit, aber nicht alles ist einfach. Zum Beispiel weiß ich nach mehrwöchigem Intensiv-Sprachkurs immer noch nicht, was Hyperglykämie auf Hebräisch heißt, auch wenn für mich viele hebräische Worte ungefähr so klingen wie Hprglkm, also wie eine wahllose Zusammenballung von Konsonanten, die obendrein von rechts nach links angehäufelt werden. Nico kann schon auf Hebräisch sagen, „ich will eine Banane“(ani roze banana) oder auch einen Apfel, und neulich sagte er mal, dass er ein Bier will. Aber das war hoffentlich nur eine sprachtheoretische Übung. Hoffentlich.
Diabetes heißt hier Sukeret, also so etwas wie Zuckerkrankheit, und das ist ein Wort, das uns durchaus nicht nur beim Arzt oder in sonstigen Fachkreisen begegnet. Diabetes scheint in Israel noch mehr als in Europa als Volkskrankheit stark im öffentlichen Bewusstsein verankert worden zu sein. Das sieht man zum Beispiel daran, dass auf sehr vielen Lebensmitteln das Logo der „Israelischen Diabetes-Vereinigung“ prangt.
Nico hat das gleich bei unseren ersten mehrstündigen Supermarkt-Exkursionen entdeckt, und oft ist dieses Logo das Einzige, was wir lesen können auf der Verpackung. Wenn es fehlt, sind wir verloren und es passieren Dinge wie neulich mit dem Salz. Wir haben lange gesucht, bis wir es in einem Regal gefunden hatten. Dann haben wir damit großzügig unser Grillfleisch gewürzt – aber es war kein Salz. Wir haben gerätselt, mit was wir uns da vergiftet haben könnten – von der Konsistenz her hätte es ja auch Kokain oder Scheuerpulver sein können. Am Ende habe ich dann auf der Dose entziffert, dass es sich um „Melach Lemon“ handelt, Zitronensalz, und das schmeckt wirklich gemeingefährlich. Nach solchen Erlebnissen ist man beim Einkauf froh um jedes Orientierungslogo.
Nico entdeckt aber auch noch weitere Dinge, die auf einen anderen Umgang der Gesellschaft mit dem Diabetes hindeuten. Bekanntermaßen ist die israelische Gesellschaft sehr durchmilitarisiert. Jeder junge Mann muss für drei Jahre zur Armee, jede junge Frau für zwei Jahre. Soldaten mit Kindergesichtern und geschulterten Waffen gehören zum Stadtbild. Man sieht sie mit ernsten Mienen an Checkpoints, und manchmal sieht man am Freitagnachmittag auch ein junges Soldatenpärchen am Strand liegen, neben sich die Stiefel und Sturmgewehre. Und einmal hat Nico im Vorbeifahren eine Soldatin entdeckt, an deren Uniformhose die gleiche Insulinpumpe hing, die er auch hat.
In Deutschland werden Männer mit Diabetes für die Bundeswehr ausgemustert, und ich bin gewiss froh darüber, dass Nico vom Armeedienst verschont bleibt. Aber es gibt ja außerdem noch manches andere, was er nicht machen darf – Pilot werden zum Beispiel oder Taxifahrer, und wenn er den Führerschein macht, kann es ihm in Deutschland passieren, dass er in regelmäßigen Abständen ärztliche Gutachten über seine Stoffwechseleinstellung vorlegen muss, auf eigene Kosten natürlich. Das muss sonst niemand machen, weder Alkoholiker noch 111-jährige Greise. Trotz der wachsenden Zahl von Menschen mit Diabetes ist die deutsche Gesellschaft ziemlich weit davon entfernt, selbstverständlicher mit dieser Krankheit umzugehen. Die Israelis scheinen da weiter zu sein, und das zum Glück nicht nur in der Armee. Seinen Führerschein wird Nico auch in Israel machen – mit 17 und wohl ohne große Gesundheitsnachforschungen.
Dr. Peter Münch ist Nahost-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung. Er lebt mit seinem Sohn Nico (15) in Tel Aviv.
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