24.03.2010 Der Wert der Pubertät

Ich habe gewusst, dass der Tag kommen wird. Aber so plötzlich? So heftig? Es ist passiert: Nico ist voll in der Pubertät. Das ist, so hat es jemand beschrieben, jene Zeit im Leben eines Heranwachsenden, in der die Eltern schwierig werden. Aus meiner verschrobenen Perspektive ist es natürlich andersherum. Ich bin souverän und verständnisvoll wie immer – und Nico zickt.
Streng genommen kann ich mich ja kaum beklagen. Nico ist gerade 15 geworden, bei Mädchen fängt das gewiss viel früher an, und ich kenne Kinder, die pubertieren schon, seitdem sie auf der Welt sind. Ich kenne sogar Erwachsene, die nicht davon lassen können. So schlimm ist es also vielleicht gar nicht. Nico spricht noch mit mir, wenn auch nicht immer und nicht über alles. Und er erinnert sich noch daran, dass ich sein Vater bin und einen gewissen Respekt verdiene. Oder ich erinnere ihn daran.
Aber die Streitigkeiten nehmen zu, und im Kern geht der Kampf immer wieder und viel zu oft um seinen Umgang mit dem Diabetes. Früher habe ich Nico oft gelobt, weil er darin sehr verantwortungsbewusst und selbstständig war. Er hat gemessen, gerechnet und gespritzt, ohne dass ich ständig hinter ihm her sein musste. Heute aber schludert er, vergisst zu messen, verschleiert schlechte Werte. Und je nachlässiger Nico wird, desto nervöser werde ich. Er wird gefährlich sorglos, und ich sorge mich um die Gefahren. Er lässt sich im Hier und Jetzt treiben, und ich denke an die Spätfolgen.
Wenn ich mich beruhigen will, rufe ich mir mein medizinisches Halbwissen als gelernter Diabetes-Vater in Erinnerung. Es ist ja gar nicht Nico, der da querschießt – es sind nur seine Hormone. Die beeinträchtigen die Wirkung des Insulins und sorgen für schlechte Blutzuckerwerte. Weil diese hinterhältigen Hormone obendrein in der Pubertät sehr unregelmäßig ausgeschüttet werden, ist die richtige Insulin-Einstellung eben so schwierig. Es kann also vorkommen, dass die Werte ab und zu verrücktspielen. Doch wenn sie verrückt spielen, obwohl Nico eigentlich sorgfältig war beim Essen und Messen, dann erhöht das auch nicht seine Motivation, weiter sorgfältig zu sein.
Wenn ich mir all das vergegenwärtige und obendrein noch neben dem medizinischen mein psychologisches Halbwissen als gelernter Pubertäts-Vater in Erinnerung rufe, dann ist das alles doch gar nicht so bedrohlich. Ganz normal. Kein Grund zur Aufregung. Überdies gehört zur Pubertät der Freiheitsdrang und auch die Rebellion. Es muss nur irgendwie gelingen, dass Nico nicht gegen seine Krankheit rebelliert. Denn die ist Chronisch, und er kann sich nicht von ihr befreien. Daran, so denke ich dann, müssen wir eben gemeinsam arbeiten.
Aber auch ich habe meine hormonellen Schwankungen, und wenn Nico mal wieder nach unkontrolliertem Schokoladengenuss mit einem Blutzuckerwert im mittleren dreistelligen Bereich ankommt, dann schüttet meine Hirnanhangdrüse ebenso unkontrolliert Wut-Hormone aus. Dann drohe ich mit Bestrafungen und werfe ihm vor, dass sein HbA1c-Wert bald höher ist als sein IQ. Und hinterher werfe ich mir vor, mal wieder zu weit gegangen zu sein.
Es ist ein Teufelskreis. Je mehr ich schimpfe, desto trotziger wird er. Je mehr Vorwürfe ich ihm mache, desto mehr verschließt er sich. Doch einen Lichtblick gibt es wenigstens: Die Pubertät ist nicht Chronisch, sie geht vorbei. Und dann müssen wir beide auch nicht mehr so schwierig und so zickig sein.
Dr. Peter Münch ist Nahost-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung. Er lebt mit seinem Sohn Nico (15) in Tel Aviv.
Kommentare zum Beitrag
Kommentar abgeben
Kommentare werden nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet. Beiträge, die persönliche Beleidigungen, Diffamierungen, rechtswidrige Inhalte oder Werbung beinhalten, werden nicht veröffentlicht, ebenso Beiträge, die nicht zum Thema gehören, und Spams.










