24.06.2011 Beine weich, Werte im Keller

Mit „weichen Beinen“ verpasst Torwart Luca jeden Ball. Da hilft nur Apfelsaft.

Von Hypoglykämie oder „Hypo“ spricht in unserer Familie niemand – „weiche Beine“ heißt bei uns das Alarmsignal für eine Unterzuckerung. Sind Lucas Beine „weich“ und das Gesicht bleich, ist höchste Eile geboten.

Bei einem Fußballspiel kam jüngst der Zuckernachschub fast zu spät: Torwart Luca torkelte bereits kurz nach dem Anpfiff, fasste sich mehrfach an die Stirn und blinzelte unkontrolliert mit den Augen. Nach den „weichen Beinen“ gefragt, konnte er nicht antworten und musste raus. Mehrere Stücke Traubenzucker und große Schlucke Apfelsaft halfen kaum – noch zehn Minuten später zeigte das Messgerät einen Blutzuckerwert von 42 mg/dl an (2,3 mmol/l). Während am Spielfeldrand über Doppelpässe, Kopfbälle und Torschüsse debattiert wurde, diskutierten meine Frau und ich abseits vom gegnerischen Strafraum über Salami, Schinken und Toastbrot. Es ging um das Mittagessen wenige Stunden zuvor: Hätten wir die Insulinzufuhr vor dem Spiel noch stärker reduzieren sollen? Haben wir richtig berechnet? Wie stark hat der Wetterumschwung von kalt auf sehr heiß die Insulinwirkung beeinflusst?

Erinnerungen wurden wach an eine Mittagsmahlzeit anno 2008, die grotesk und medizinisch erklärbar zugleich war: Kurz nach der Dia­gnose klagte unser Sohn während des Essens plötzlich über große Müdigkeit, ehe er in sich zusammensank. Mit Glukosegel und einer Überdosis Apfelsaft verhinderten wir im letzten Moment die drohende Ohnmacht und eine Glukagon­Injektion in die Muskulatur. Nach kurzem Grübeln war klar: Weil Luca sich über den Salat und die Würstchen hergemacht, die Kartoffeln aber ignoriert hatte, fehlten die Kohlenhydrate als Gegenpol zum verabreichten Insulin, das im Körper des Buben bereits seine Wirkung entfaltete. Hätten wir anstatt der Kartoffeln schneller wirkende Kohlenhydrate servieren sollen? Wie auch immer – die Hypoglyk­ämie war nicht mehr aufzuhalten.

Hypoglykämie = Blutglukosewert unter 50 mg/dl (2,8 mmol/l), heißt es lapidar in den Fachbüchern. Die Frage, wann sich eine „Hypo“ bemerkbar macht, ist aber kompliziert. Manche Kinder sind bei einem Wert von 40 mg/dl (2,2 mmol/l) noch fidel – zumindest kurzfristig. Meine Frau und ich ermahnen uns deshalb oft, bei Luca auf Bewusstseinsveränderungen oder Koordinationsstörungen zu achten. Schwitzt und zittert der Körper, sind die Hände feucht, das Hungergefühl und die Bauchschmerzen groß oder die Schrift plötzlich unleserlich, müssen wir eingreifen und eine Pause ist unvermeidbar.

Routine beim Diabetes-Management hilft, sie kann jedoch auch zur Falle werden und war wohl der Grund für Lucas „Hypo“ während des Fußballspiels. Am Mittagstisch war alles routiniert abgelaufen: Messen, spritzen, essen, Hausaufgaben machen – und ab zum Fußball. Vor dem Anpfiff erneut messen: alles klar! Lucas Zitteranfall nach wenigen Spielminuten offenbarte – nichts ist klar. Meiner Frau und mir wurde einmal mehr bewusst, dass wir als Eltern noch aufmerksamer sein müssen. Und Luca muss lernen, dass er sein mit Traubenzucker und Apfelsaft gefülltes Täschchen in seiner Nähe deponieren und seine „weichen Beine“ auch während des Sports aktiv und sofort bekämpfen muss. In den ersten Saisonspielen hatte er dies trotz meiner Ermahnung ignoriert: „Erstens habe ich schon in der Halbzeit einen Schluck Apfelsaft genommen und zweitens wollte ich keinen Ball verpassen.“

Michael Denkinger (40) lebt mit seiner Familie in Memmingen und hat drei Kinder: Luca (7 Jahre), Angelina (10) und Timo (3). Er arbeitet in einer PR-Agentur.

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