01.07.10 Am Wasser ohne Pumpe

Was leider nicht zu Eis und Sonne und Strand passt, das ist die Pumpe.

Wie schön doch der Sommer ist. Wenn der Himmel strahlt, wenn der Strand lockt. Wir haben ja seit kurzem das Glück, in Israel ziemlich nah am Strand und ziemlich lange im Sommer zu leben. Doch natürlich hat die viele Sonne auch ihre Schattenseiten. Zum Beispiel muss ich meine Kollegen in der Münchner Zentrale immer wieder davon überzeugen, dass wir nicht den ganzen Tag am Strand liegen, sondern dass ich von früh bis spät hart arbeite. Nico dagegen gefällt es, seinen alten Freunden in Deutschland zu vermitteln, dass er seine Tage am perlweißen Strand verbringt. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Alles hat seine Zeit, und nach der Arbeit und der Schule genießen wir die Freiheit. Wir dürfen am Strand faulenzen oder lesen, schwimmen oder
Beachball spielen, ein Eis essen oder einen kühlen Drink schlürfen. Am Strand kann man alles vergessen. Alles?

Für Nico gilt das leider nicht. Er muss an ziemlich viel denken, wenn er einen Tag am Strand verbringt. Denn dann wird der Diabetes, der in unseren Alltag mittlerweile meist problemlos integriert ist, zum Problem. Den Alltag nämlich erleichtert die Insulinpumpe. Dieser kleine Wunderkasten, den Nico als eine Art Bauchspeicheldrüse für die Hosentasche immer bei sich trägt, seitdem wir ihn der Krankenkasse abgetrotzt haben. Die Sachbearbeiter mussten leider recht mühsam davon überzeugt werden, dass die Pumpe Nicos Blutzuckerwerte verbessert und konstanter macht. Obendrein aber – und das scheint im Gesundheitssystem seltsamerweise als Argument überhaupt nicht zu zählen – hat die Pumpe sein Leben entscheidend verändert und auch mein Leben deutlich erleichtert. Wir können ausschlafen am Wochenende, müssen nicht immer zu festbetonierten Zeiten unsere Mahlzeiten einnehmen und können  auch einfach mal in den Tag hineinleben. Das ist ein Zugewinn an Lebensqualität, die für andere, wahrscheinlich auch für Krankenkassen-Mitarbeiter, ganz selbstverständlich ist. Für Diabetiker ohne Pumpe aber nicht.

Die Pumpe dient übrigens nicht nur den Profiten der Pharmaindustrie. Nein, auch die Speiseeis-Konzerne erhöhen dadurch ihre Gewinne. Doch bevor nun im Gesundheitsministerium unzulässige Absprachen zwischen den Pumpenherstellern und Dr. Schöller untersucht werden, muss ich einräumen, dass dies nur meine subjektive Beobachtung ist. Nico jedenfalls kann sich dank der Pumpe ungeplant mal ein Eis gönnen. Zwar pocht er manchmal sogar noch auf sein Recht aufs dritte Eis, als ob dies in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vorgeschrieben sei für 15-Jährige an Sommertagen bei mehr als 30 Grad. Aber grundsätzlich sehe auch ich ein, dass zu Sonne und Strand ein Eis gehört.

Was jedoch leider nicht zu Eis und Sonne und Strand passt, das ist die Pumpe. Denn am Strand geht es, zumal für Jugendliche, auch ums Sehen und Gesehenwerden. Deshalb trägt man heute unter knielangen Badehosen noch möglichst bunte Unterhosen. Dann kann man nämlich die Badehose auch unterhalb des Hinterns tragen. So gestylt möchte wohl keiner einen Schlauch am Bauch tragen, und auch ein Pflaster über dem Katheter soll nicht ablenken vom Waschbrettbauch.

An Strandtagen also besinnt sich Nico wieder auf die guten, alten Spritzen. Dreimal am Tag, und alles muss vorab geplant sein. Wenn für andere die Zeit der großen Freiheit kommt, dann kehren wir zurück zum festen Gerüst. Das ist leider für Nico der Preis für einen Tag am Strand.   

Dr. Peter Münch ist Nahost-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung. Er lebt mit seinem Sohn Nico (15) in Tel Aviv.

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